Mai 2000
Zweite Jahrestagung in Tübingen.
Thema: Cultures of Attraction II

Einer der ersten Untersuchungsgegenstände der Kooperation, die 1914 erschienene Erzählung Irmelin Rose. Die Mythe der großen Stadt des Expressionisten Robert Müller, führte zur methodischen Vereinigung diskursgeschichtlicher, poetologischer und textverfahrensanalytischer Modelle mit Aspekten der Gender Studies und Cultural Politics. Im Mittelpunkt der Untersuchung stand die mediale Attraktionsfunktion des Schaufensters im Amalgam aus ökonomischem, libidinösem und automobilem Stadt-Verkehr, dem die Protagonistin der Erzählung selbst spektakulär zum Oper fällt. Anhand der Analyse dieses Schaufenster-Diskurses, welcher in der Anfangsphase des ‚iconic turn' vom Medium der Schriftlichkeit zum Medium des Films die neue Macht der Visualität vertritt und auch noch ein Jahrhundert später im Erscheinungsbild der Städte fortgesprochen wird, gelang es Einblick zu gewinnen in die reflexiven Strategien der spezifisch großstädtischen Attraktionskultur. Ein ebenso prägnanter Status für die übergreifende kulturpoetische Bestandsaufnahme der konkreten lebensweltlichen wie der ästhetischen Moderne kommt den Attraktionsgenres Varieté und Zirkus in Frank Wedekinds Lulu-Dramen zu. Die Hauptfunktion der beiden popularen Medien ist primär die einer Chiffre für den Konstruktcharakter der Wahrnehmungen (und infolgedessen auch der Interpretationen), eine radikale Authentizitätsverweigerung, die mit den Attraktionsverfahren der Montage und der Karnevalisierung auf der Ebene des Dramentextes provokativ ausgestellt wird.
Während in den beiden aufgeführten Textbeispielen diese Auseinandersetzung mit der (sprachlich inszenierten) Attraktionskultur zum Katalysator einer subversiven Gesellschafts-, Kultur- und Sprachkritik wird, ist auch die gegenläufige Tendenz zu konstatieren: Der Wiener Journalist, Flaneur und Bambi-Autor Felix Salten etwa bleibt in seinem essayistischen, feuilletonistischen Spaziergang durch den Wiener Wurstelprater deutlich außerhalb des Wirkungsradius der dortigen Spektakel-, Attraktions- und Sensationskultur und aktiviert - um seine ‚ethnographische' Distanz zu Schaustellern und popularem Publikum strategisch festzuschreiben - interessanterweise scheinbar abseitige metaphorische Systeme aus dem zeitgenössischen Kolonialismus- und Kriminalistikdiskurs: Das ‚primitive' Volk im Prater wird auf raffinierte Weise überblendet mit der Imagination bestimmter ‚primitiver' Ethnien oder Krimineller, also mit dem Anderen und Fremden (oder auch: dem Unheimlichen) der (bedrohten) bürgerlichen Existenz. Zu diesem Zweck bedient sich Salten einer intermedialen Authentifizierungsstrategie, indem er seinen Text mit ‚ethnographischen' Fotografien aus der ‚Prater-Szene' illustriert und deren ‚Gegenwelten' - folkloristisch reduziert - in den affirmativen Rezeptionserwartungshorizont des (bürgerlichen) Lesers integriert.
Die nach der Analyse dieser Texte naheliegende Vermutung, daß die darin inszenierten interdiskursiven metonymischen Verschiebungen weit mehr als kulturelle Einzelfälle seien, führte die Projektteilnehmer zur Erweiterung des Untersuchungsfelds im Rahmen einer außerordentlichen Konferenz, die auch den Austausch mit externen Experten ermöglichte. Veranstaltet wurde sie unter dem Titel ‚Die Großstadt und das Primitive - Text, Politik und Repräsentation' vom 18.-20. Okt. 2001 in Wien.

 

[Source: http://btwh.net/btwh/Rueckblick.html]